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Das Obesitas-Hypoventilations-Syndrom: Was ist das und wie wird es behandelt?

Das Obesitas-Hypoventilations-Syndrom (OHS) ist eine Form der chronischen Atmungsstörung, die vor allem bei Menschen mit starkem Übergewicht (Adipositas, engl. Obesity) auftritt. Symptome wie zum Beispiel Tagesmüdigkeit oder Erschöpfung können den Tagesablauf und die Lebensqualität beeinträchtigen. Dieser Artikel erklärt, was genau hinter OHS steckt, welche Symptome auftreten können und welche therapeutischen Möglichkeiten es gibt.

Eine ältere Dame trägt im Bett eine Atemmaske, da sie wegen des Obesitas-Hypoventilations-Syndroms eine Atemtherapie erhält.

In diesem Beitrag:

Was ist das Obesitas-Hypoventilations-Syndrom (OHS) und wie wird es diagnostiziert?

Das Obesitas-Hypoventilationssyndrom (OHS), auch als Obesity-Hypoventilation oder ehemals Pickwick-Syndrom bekannt, ist eine Erkrankung, die bei Menschen mit Adipositas auftreten kann. Es ist durch eine immer wiederkehrende Hypoventilation, also eine zu flache und/oder zu langsame Atmung, gekennzeichnet, was zu erhöhten Kohlenstoffdioxidwerten im Blut führt – ein Zustand, der als Hyperkapnie bezeichnet wird. Kohlenstoffdioxidwerte über 45 mmHg (Millimeter Quecksilbersäule) gelten dabei als erhöht.

Typisch für das OHS ist das gleichzeitige Auftreten von Atmungsstörungen am Tag und in der Nacht, letzteres kann zum Beispiel auch im Rahmen einer obstruktiven Schlafapnoe vorkommen.
Krankheitsbedingt liegt in der Regel eine Kombination aus erhöhter Atemarbeit aufgrund des Übergewichts und einem verminderten Atemantrieb vor. Dazu können Atemaussetzer in der Nacht während des Schlafs kommen. Das OHS ist definitionsgemäß eine Ausschlussdiagnose, das heißt: Andere Ursachen für eine flache Atmung (Hypoventilation) müssen zunächst ausgeschlossen werden.

Die Diagnosestellung erfolgt stufenweise, basierend auf der aktuellen S3-Leitlinie für nicht-invasive Beatmung. Neben Arztgespräch (Anamnese) und körperlicher Untersuchung gehören dazu:

  • Blutgasanalyse (zur Bestimmung des Kohlenstoffdioxid- und Bikarbonarwertes im Blut)
  • bildgebende Verfahren zum Ausschluss anderer Ursachen.

Ergänzend liefert eine Polygraphie (zu Hause) oder eine Polysomnographie (im Schlaflabor) zusätzliche Informationen, um schlafbezogene Atemstörungen präzise zu erfassen.

Gerade bei Patient*innen mit hohem BMI und oftmals begleitenden Erkrankungen wie eine obstruktive Schlafapnoe ist eine gezielte Suche entscheidend, denn das OHS wird häufig erst verzögert diagnostiziert. Eine frühzeitige Erkennung und Behandlung kann jedoch die Lebensqualität verbessern.

Welche Symptome und Ursachen hat das OHS?

Das Obesitas-Hypoventilations-Syndrom (OHS) äußert sich meist durch ausgeprägte Tagesmüdigkeit, Kurzatmigkeit, nicht-erholsamen Schlaf und nächtliche Atemaussetzer. Auch morgendliche Kopfschmerzen, Schwindel, depressive Verstimmungen oder Abgeschlagenheit sind typische Beschwerden. In fortgeschrittenen Stadien kann es zu Wasseransammlungen in den Beinen (periphere Ödeme) kommen – dies kann ein Hinweis auf eine Rechtsherzbelastung sein.

Ursächlich liegt dem OHS eine Hypoventilation zugrunde – also eine zu flache Atmung, die zu einem Anstieg des Kohlenstoffdioxidgehalts im Blut führt. Betroffen sind meist Menschen mit einem BMI ≥ 30 kg/m2 . BMI steht für Body-Mass-Index und ist eine oft eingesetzte Formel, um das Körpergewicht zu bewerten. Der eigene Body-Mass-Index kann mittels einfachen BMI-Rechnern überprüft werden. Häufig sind die Symptome von OHS unspezifisch und fühlen sich “normal” bei Mehrgewicht an, sodass Betroffene nichts von ihrer Erkrankung wissen oder die Symptome nicht dem OHS, also der Atmungsstörung, zuordnen können.

Das Zusammenspiel verschiedener Faktoren ist entscheidend: Der erhöhte Körperfettanteil schränkt mechanisch die Beweglichkeit des Zwerchfells und der Lunge ein, was die Atmung erschwert. Gleichzeitig zeigt sich bei vielen Patient*innen ein verminderter Atemantrieb – das zentrale Nervensystem reagiert weniger empfindlich auf den Anstieg von Kohlenstoffdioxid. Hinzu kommen häufig metabolische und kardiovaskuläre Begleiterkrankungen wie Bluthochdruck oder Diabetes, die den Verlauf weiter beeinflussen. Wird das OHS nicht erkannt und behandelt, drohen schwerwiegende Folgeerkrankungen wie Rechtsherzinsuffizienz, pulmonale Hypertonie und letztlich eine erhöhte Sterblichkeit.

Wie können die Symptome und die Erkrankung behandelt werden?

Die Therapie des Obesitas-Hypoventilationssyndroms (OHS) wird anhand individueller Faktoren entschieden. Sie kann auf einer nicht-invasiven respiratorischen Therapie basieren. Dabei wird die nächtliche Atmung durch ein Beatmungsgerät unterstützt – meist über eine Maske. Diese Unterstützung verbessert den Gasaustausch, senkt den Kohlenstoffdioxid-Spiegel im Blut nachhaltig und verbessert die Lebensqualität.

Zum Einsatz kann auch eine CPAP-Therapie (Continuous Positive Airway Pressure kommen. Diese hält die Atemwege offen und beugt Atemaussetzer vor.

Ein weiterer zentraler Bestandteil der Behandlung ist eine nachhaltige Gewichtsreduktion. Sie wirkt sich positiv auf die Lungenfunktion, das Herz-Kreislauf-System und den Krankheitsverlauf aus. In sehr schweren Fällen oder bei therapieresistenter Adipositas können auch bariatrische Verfahren wie eine Magenverkleinerung oder ein Magenbypass in Betracht gezogen werden.

Die Behandlung sollte idealerweise in einem interdisziplinären Rahmen erfolgen, unter Einbezug von Fachrichtungen wie Pneumologie, Schlafmedizin, Ernährungsmedizin, Psychologie und ggf. Chirurgie. Nur so kann eine individuell abgestimmte und langfristig wirksame Versorgung gewährleistet werden.

Eine strukturierte Behandlung nach aktueller Leitlinie kann die Lebensqualität erheblich verbessern und das Risiko schwerer Folgeerkrankungen wie Herzinsuffizienz oder pulmonaler Hypertonie senken.

Was ist der Unterschied zwischen OHS und Schlafapnoe?

Das Obesitas-Hypoventilations-Syndrom (OHS) tritt häufig gemeinsam mit schlafbezogenen Atmungsstörungen wie der obstruktiven Schlafapnoe (OSA) auf. Bei letzterer verengen oder verschließen sich die oberen Atemwege während des Schlafs wiederholt, was zu Atemaussetzern und einem nicht erholsamen Schlaf führt.

Der entscheidende Unterschied: Beim OHS besteht häufig zusätzlich eine Hyperkapnie am Tag – also ein dauerhaft erhöhter Kohlenstoffdioxidgehalt im Blut, auch im Wachzustand. Ursächlich dafür sind eine flache Atmung und ein reduzierter Atemantrieb. Im Gegensatz zu OSA, bei der sich Patient*innen tagsüber häufig von den nächtlichen Atmungsstörungen erholen können, ist dies bei OHS nicht der Fall. Vereinfacht ausgedrückt: Der Körper gewöhnt sich an den dauerhaft erhöhten Kohlenstoffdioxidgehalt. Der Atemantrieb wird reduziert und der Kreislauf einer flachen Atmung wird aufrecht erhalten

Dieser Unterschied ist für Diagnose und Therapie entscheidend: Während bei einer reinen Schlafapnoe oft eine CPAP-Therapie genügt, kann eine CPAP-Therapie bei einem OHS nicht ausreichend und eine nicht-invasive Beatmung nötig sein, um die chronische Hypoventilation zu korrigieren.

Zusammenfassende Kernpunkte

  • Das Obesitas-Hypoventilations-Syndrom ist eine schwere Erkrankung, die durch die Kombination von Adipositas und chronischer Hypoventilation gekennzeichnet ist.
  • Typische Symptome sind Tagesmüdigkeit, Kopfschmerzen am Morgen und Kurzatmigkeit.
  • Die Diagnose erfolgt über Blutgasanalysen und Schlafuntersuchungen.
  • Die Therapieoptionen sind eine CPAP-Therapie oder eine nicht-invasive Beatmung sowie eine langfristige Gewichtsreduktion. Die Behandlung richtet sich nach den individuellen Faktoren der Patientin oder des Patienten.
  • Eine Abgrenzung zur reinen Schlafapnoe ist für die richtige Therapie entscheidend.

Hinweis: Der Artikel stellt keinen medizinischen Rat dar und dient ausschließlich zur neutralen Information von Interessierten. Bei Verdacht auf eine Erkrankung oder bei Fragen wende dich bitte an medizinisches Fachpersonal.